Notions Brief an Sabina

Exhibition at the Rising Phoenix, Vienna

In December 2018, Sabina had a solo exhibition in the Rising Phoenix, in Vienna, Austria. After the show, she received the following letter:


Das Gemälde von Sabina Nore
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Dieses Selbstbildnis der Künstlerin SABINA NORE, vor dem ich einen ganzen Abend gesessen bin, ohne es wirklich zu „sehen“ (weil es in meinem Rücken gestanden ist), während ich die anderen Bilder betrachten konnte, habe ich nun zu Hause in Ruhe und (halbwegs) frei von Umwelteindrücken ansehen können.
Einige MEINER Gedanken möchte ich einfach spontan mitteilen. Gedanken und Gefühle sind schließlich etwas ganz „Persönliches“. Darum nehmt bitte die betrachtende Gefühlswelt eines alten Mannes nicht als die Grundlage des menschlichen Wissens, sondern als einen sehr persönlichen Dank an die Künstlerin Sabine Nore, dass sie mir durch ihre Bilder einen kurzen Einblick in ihre Seele gewährt hat.

Die Mimik des eigenen Gesichtes und den Ausdruck der „Körpersprache“ selbst in einem Gemälde darzustellen, ist vielleicht das Schwerste in dieser Kunst.

Den Hintergrund einer verletzten Seele bildlich darzustellen bleibt dem Künstler überlassen. Doch so eine große, vernarbte Seele zu erfühlen, ist die Aufgabe des Betrachters.

Wir Menschen lassen uns ja nur sehr wenig in die Herzen sehen. Die Angst, eigene „Schwächen“ von anderen Menschen ausgenützt zu sehen, ist einfach sehr groß. Ein gemaltes „Selbstbildnis“ ist absolut nicht vergleichbar mit den heute üblichen „Selfies“ der Handys. Natürlich haben wir heute Möglichkeiten, von denen unsere Vorfahren nicht einmal in den kühnsten Träumen Vorstellungen hatten!

Übrigens - Träume! Wenn man sich ein wenig mit der Psychologie und Philosophie der Träume auseinander gesetzt hat, ist es für verblüffend, wie viel mehr wir doch von unserem „Selbst“ preisgeben. Bewusst und unbewusst!

Liebe Sabine Nore - ich durfte dich (und deine Bilder) gestern, 14.12.2018. zum ersten Mal bei der leider schon auslaufenden Vernissage im Kulturverein „The Rising Phoenix“ sehen und ein wenig kennen lernen. Daher mache ich - spontan - etwas, das ich noch nie gemacht habe - ich schreibe DICH PERSÖNLICH an und verwende nicht die vielleicht sonst übliche, offizielle „Beschreibung der Bilder“. Das ist eben meine Spontaneität... Und meine ganz persönlichen Eindrücke.

Als ein Mensch, der schon sehr lange auf dieser Welt lebt, ist es immer wieder faszinierend, wie vielseitig manche Menschen sind und sein können. Da ich nicht weiß, welchen Titel das Bild bekommen hat, mache ich mir eine eigene Titelbeschreibung. Ich nenne es „Bifokaler Blick“.

Ein Bifokalglas ist ein Brillenglas, das zwei (bi „zwei“; fokal, Fokus „Brennpunkt“) optische Wirkungen erzielt und demnach für zwei unterschiedliche Entfernungen nutzbar ist. Erkennbar sind solche Brillengläser an der Trennlinie zwischen den beiden Linsen. Soweit die Kurzbeschreibung über „bifokal“ aus WIKIPÄDIA.

Dein Blick, Sabina, springt buchstäblich aus diesem Bild heraus und berührt meine eigene Seele! Und da ist einiges, was mir dieser Blick erzählt!

Du siehst mich nicht „von oben herab“ an, denn dein Blick hat nichts Überhebliches für mich, auch wenn es im ersten Eindruck so erscheinen mag. Die leichte, seitliche Kopfbewegung sehe ich für mich als ein bewusstes Hinwenden zum Betrachter.

Die Gerade Haltung deines Körpers wird noch massiv von dem Stock verstärkt, der an die natürliche Stärke der Schamanen erinnert, deren tiefe Weisheit und Lebensbejahung in der stilisierten Hand dieses Stabes zum Ausdruck kommt, die am oberen Teil des Stabes zu sehen ist.

Dieses alte Symbol der Heiler und geistlichen Führer bekommt durch den fast an ein Gewehr der Neuzeit erinnernden auf den Boden gestellten Teil des Stabes eine besondere Nachdenklichkeit.

Der schmale, scheinbar abwehrende Gesichtsausdruck mit den langen, gewellten Haaren, die über die ganze Person wie Gedankenwellen fließen, stellen die Feinfühligkeit und Sensibilität dar, die als gesamter Mensch angesehen und auch angenommen werden möchte.

Die Farbe den Meereshintergrundes der Weltkugel und auch des Gewandes der Künstlerin unterstreicht den bis ins Endlose der Galaxie gehende Wunsch nach Freiheit, Offenheit und Wahrnehmung. Wohl wissend, dass vieles davon vielleicht für immer ein Wunsch sein muss. Der Hai gerade im oberen Teil des Bildes gibt mir das Gefühl, dass gerade die Gedanken sowohl selbst gefährlich sein können oder auch als gefährlich von anderen empfunden werden.

Die rechte Hand umschließt einen Gegenstand, den man - aus unserer Zeit her betrachtet - als „Smartphone“ ansehen kann. Es könnte aber auch eine uralte kleine Steintafel sein, auf die Anweisungen für die Zukunft der Künstlerin geschrieben stehen. Überliefert aus alter Zeit, heute gelesen und für die Ewigkeit gemacht. Da diese Hand aber gerade im Begriff ist, diesen Gegenstand loszulassen, könnte das ein Hinweis für den Betrachter sein, aus der Ewigkeit kommend - für die Ewigkeit geboren - in die Ewigkeit gehend zu sein.

Ich finde es einen sehr schönen Gedanken, sich selbst mit einer wunderbaren Gabe gesegnet im geistlichen Auftrag des Schöpfers der Welt zu stellen.

Der verschlungene Rahmen, der die Wirklichkeit von der Utopie trennt, lautlos bewacht und beobachtet von dem König der Meere, zeigt uns die Endlichkeit unseres Daseins. Verschlungen, verbunden und dennoch frei. Abhängigkeit, ohne sich in Abhängigkeit begeben zu MÜSSEN. Freiheit der Gestaltung, ohne Zwänge und Einschränkungen und dennoch selbst gebunden an die Zeit, um sie aber jederzeit loslassen zu können.

Die Tiefe des Meeres als die Tiefe des eigenen Seins im Gegensatz zu der Tiefe des Weltalls mit der unfassbaren Unendlichkeit der Existenz.

Liebe Sabina - danke, dass du mir das Gefühl geschenkt hast, dass ich ein wenig in deine Seele sehen durfte!

Erich Schwarz


Liebe Grüße
Erich A. Schwarz
Wien, 2018

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